Bitte nur in geschlossenen Räumen

Trotz Drohungen nationalistischer Gruppen und der Ankündigung der Regierung die Sicherheit nicht garantieren zu können, ist das Kollektiv hinter der „Tbilisi Pride“ fest entschlossen einige Veranstaltungen durchzuführen. Unsicherheit, Morddrohungen und die ablehnende Haltung der eigenen Familie sind ständige Begleiter.

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Auf den öffentlichen Nahverkehr hat Miko in dieser letzten Woche Mitte Juni verzichtet. Zu unsicher. „Unsere Gesichter sind bekannt. Erst vor zwei Tagen wurden zwei junge Männer in der Metro verprügelt, nur weil sie Ohrringe trugen“, erzählt der junge Aktivist und Co-Organisator der ersten „Tbilisi Pride“. Mit „Uns“ meint Miko das Organisationsteam der ersten Pride in Georgiens Hauptstadt Tbilisi. Wenn er in das Büro seiner Organisation musste, nutzte Miko Taxis. Aber auch das war heikel, da die leutseligen Fahrer ihre Fahrgäste gerne ausfragen. „Auf die Frage nach meiner Arbeit kann ich nicht normal und ohne Angst antworten, wie das andere tun würden“, beklagt der 22-jährige. Aber ohnehin hat er die letzte Woche fast ausschließlich im Büro verbracht und auch dort geschlafen.

Genug war das jedoch nicht. Zu viel war für ihn zu organisieren, um einen reibungslosen und in erster Linie sicheren Ablauf der ersten „Tbilisi Pride“ zu garantieren. Eine bunte Parade durch die Innenstadt wurde von den Organisatoren erst gar nicht eingeplant. Erstens habe man als Mitglied der LGBTI+-Community in Georgien nichts zu feiern und zum anderen sind allen auch noch die Bilder des Jahres 2013 vor Augen, als eine Handvoll Aktivisten in Kleinbussen von einem Mob Nationalisten und Kleriker angegriffen wurde und nur mit Mühe entkommen konnte. Stattdessen setzen die Veranstalter auf eine Aktionswoche vom 18.-23. Juni 2019 mit einem Theaterstück, einer internationalen Konferenz und einem „Marsch der Würde“ als Bestandsteile der ersten „Tbilisi Pride“.

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Geschafft, aber zufrieden. Miko sitzt im Innenhof des Hotels, das zustimmte Austragungsort für die internationale Konferenz im Rahmen der ersten „Tbilisi Pride“ zu sein.

Queere Aktivisten „wegschaffen“

Dass sich seit 2013 nicht viel geändert hat, wurde in den Wochen vor der „Tbilisi Pride“ deutlich. „Die Hauptorganisatoren haben Todesdrohungen per SMS erhalten, die sehr persönlich waren. Die Adressen der Eltern wurden genannt und gedroht ihre Kinder zu töten“, erzählt Miko. Obwohl die Nummern registriert sein müssten, hat niemand große Hoffnung, dass die Polizei die Absender findet.

Ein ebenso prominenter wie radikaler Gegner der LGBTI+-Community ist der Millionär Levan Vasadze. Wenige Tage vor offiziellem Beginn der Pride hat er unter den Augen der Polizei vor mehreren hundert Anhängern im zentralen Vera-Park gefordert, Bürgerwehren zu formieren, um Queer-Aktivisten aufzugreifen und „wegzuschaffen“. Der Polizei empfahl er sich nicht einzumischen und seinen Anhänger auf Konfrontationen vorbereitet zu sein.

Kein Vertrauen in die Polizei

Doch auch die georgisch-orthodoxe Kirche hat sich mit deutlichen Worten gegen die Tbilisi Pride ausgesprochen. In einem offenen Brief waren internationale Organisationen, Botschaften und die Regierung aufgerufen die „sündhafte“ Veranstaltung nicht zu unterstützen, da es sich gegen die „allgemeine Moral“ richte. Verboten wurde die Pride zwar nicht, dennoch ließ das Innenministerium Beginn Juni verlauten, dass die Sicherheit der Veranstaltung nicht garantiert werden könne. Was sich wie eine Kapitulation des Rechtsstaates vor radikalen, nationalen und offen rechtsextremen Gruppen innerhalb der georgischen Gesellschaft liest, kam für Miko und seine Mitstreiter nicht überraschend.

„Wir haben kein Vertrauen mehr in die Polizei“, konstatiert er. „Wir haben dem Innenministerium telefonisch den Veranstaltungsort unserer Konferenz mitgeteilt. Fünf Minuten später erhielten wir einen Rückruf, in dem uns mitgeteilt wurde, dass diese Information leider durchgesickert sei und wir einen anderen Ort suchen müssten.“ Zeitgleich sei auf den Facebook-Seiten einiger radikaler Gruppen der geplante Veranstaltungsort der Konferenz veröffentlicht wurden. Beweise haben die Organisatoren nicht, aber ein Misstrauen gegenüber den Behörden, weswegen dem Ministerium der letztendliche Veranstaltungsort nicht mitgeteilt wurde.

Eine völlig neue Erfahrung

Neben der Konferenz auf der Aktivisten und Journalisten aus Armenien, Deutschland, Georgien, Großbritannien, Österreich und der Ukraine die einzelnen Panels gestalten und über die Situation in ihren Ländern und das Erstarken rechtsextremer Gruppen referieren, wurde das Theaterstück „Caucasian Metamorphosis“ aufgeführt. Miko lud seine Mutter zu dem Stück ein, das das Coming-Out eines homosexuellen Jugendlichen thematisierte und die Reaktionen, die das in seiner konservativen Familie zur Folge hat. „Meine Mutter war geschockt. Und plötzlich war sie in einer Situation, in der sie mit ihrer Meinung in der Minderheit war. Das war für sie eine völlig neue Erfahrung“, berichtet Miko und muss lachen.

Eskalation der Proteste

Er lacht gerne und viel, obwohl er die meisten Zeit gute Mine zum bösen Spiel machen muss. Während die Pride-Veranstaltungen möglichst unauffällig und geräuschlos über die Bühne gehen, eskaliert draußen auf den Straßen Tbilisis die Gewalt. Ausgelöst hat es ein russischer Parlamentsabgeordneter, der am 20. Juni 2019 als Teilnehmer der „Interparlamentarischen Versammlung der Orthodoxie“ die Versammlungsmitglieder vom Sitz des georgischen Parlamentspräsidenten adressiert. Hätte es ein Delegationsmitglied aus einem anderen Land getan, wäre das als Protokollfehler abgetan worden. In Georgien, wo die beiden abtrünnigen Gebiete Abchasien und Süd-Ossetien von Russland nicht nur wirtschaftlich und militärisch unterstützt, sondern auch offiziell anerkannt werden, ist die Rede des russischen Politikers im Sitz des Parlamentspräsidenten ein Affront, der tausende Menschen auf die Straße bringt.

Die Proteste beginnen friedlich, richten sich gegen Russland aber in erster Linie gegen die eigene Regierung. Im Laufe der Nacht versuchen die Demonstrierenden das Parlamentsgebäude zu stürmen. In den sozialen Medien ist live zu verfolgen, wie die Polizei Wasserwerfer, Tränengas und Gummigeschosse einsetzt. Hunderte werden Festgenommen, ebenso hunderte werden in den Krankenhäusern der Stadt behandelt, zwei Menschen verlieren durch die Gummigeschosse ein Auge: ein Familienvater und ein 18-jähriges Mädchen.

Forderungen an die Regierung

Aufgrund der Unruhen beschließt das Organisationsteam den für Samstag geplanten „Marsch der Würde“ abzusagen. Was sowieso schon ein riskantes Unterfangen darstellte, wäre angesichts der angespannten Lage in der Innenstadt seitens der Veranstalter nicht zu verantworten. Auch Miko trägt die Entscheidung mit, trotzdem wirft er die rhetorische Frage in den Raum: „Warum kann die Regierung einen russischen Duma-Abgeordneten beschützen, aber nicht unsere Sicherheit – die der eigenen Bürger – garantieren?“ Das Organisationsteam setzt sich zusammen um ein Abschlussstatement zu formulieren.

Drei Forderungen der Aktivisten an die Regierung stehen derzeit im Raum. Es soll möglich sein, dass Transgender-Personen das Geschlecht in Ausweisdokumenten frei wählen dürfen. „Wir dürfen unsere Namen beliebig ändern, aber was nützt das, wenn im Ausweis doch wieder das Geschlecht vorgegeben ist, wie es in der Geburtsurkunde steht?“, moniert Miko. Außerdem wollen die Aktivisten einen offiziellen Beraterposten für die Regierung hinsichtlich LGBTI+-Belangen. Als letzte Forderung soll ein Quartier geschaffen werden, das obdachlosen LGBTI+-Menschen Schutz bietet. Vor allem Transgender-Personen werden im nächtlichen Tbilisi häufig Opfer gewaltsamer Übergriffe. Auch Jugendliche, die ihr Coming-Out hatten und infolgedessen von ihrer Familie abgelehnt werden, sollen Obdach in der Unterkunft finden können.

„Sie braucht Zeit“

Als ich Miko am Rande der Konferenz im Innenhof eines in internationalen Medien gehypten Hotels um ein Foto mit der Regenbogenfahne bitte, werden wir von der Managerin höflich gebeten die Fotos doch bitte in einem gesonderten Raum aufzunehmen – aus Rücksicht auf die anderen Gäste des Hauses. Miko rollt die Augen: „Das entspricht der typischen Attitüde: was Du in Deinem Schlafzimmer oder in diesem Fall in einem geschlossenen Raum machst, interessiert niemanden. Aber bitte nicht in der Öffentlichkeit. Unser Platz ist wieder einmal nirgendwo – jedenfalls nicht im öffentlichen Raum“.

Zwei Tage später treffen wir uns bei der After-Show-Party der Pride in einem Club wieder, der sich in einer der riesigen alten Stadtwohnungen befindet. Die Stimmung ist ausgelassen. Miko kommt aus der Toilette, wo er sich gerade die Schminke abgewischt hat. „Du hast meine Performance bei der Drag-Show verpasst“, sagt er lachend. Ob er zufrieden ist mit dem Ablauf der ersten Tbilisi Pride? „Ich bin froh, dass ich noch am Leben bin“, sagt er halb scherzhaft, halb ernst. Dann erzählt er: nachdem er mit seiner Mutter das Theaterstück besuchte, hatte er ihr gegenüber sein Coming-Out. Und? „Ich glaube sie braucht Zeit“, sagt er nach kurzem Nachdenken. Georgien auch.

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Obwohl Miko gerne lacht, schaut er auf diesem Bild recht grimmig. Kein Wunder – schließlich wurden wir von der Hotelmanagerin gerade vom Innenhof komplimentiert, als wir dieses Foto machen wollten. Fotos mit Regenbogenfahne bitte nur in geschlossenen Räumen.

 Nachtrag:

Der verschobene „Marsch der Würde“ sollte letztendlich am 07. Juli 2019 stattfinden. Da Details hierzu wieder durchsickerten und radikale Gruppen um den Millionär Levan Vasadze ankündigten, den Marsch zu verhindern, sagten das Pride-Team den Demonstrationszug ab. Stattdessen flog eine Drohne mit einer Regenbogenflagge über die Innenstadt und die Köpfe der Gegendemonstranten, während die Aktivisten eine kurze Kundgebung vor dem Innenministerium abhielten, das nach eigenen Angaben nicht für die Sicherheit der Veranstaltung sorgen konnte.

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