„Ich schreibe nur auf deutsch“ – Interview mit Nino Haratischwili

Das Interview erschien auch in der Oktober-Rundschau der Deutschen Botschaft Tbilisi und auf Radio F.R.E.I. For english click here or here.

Die georgische Schriftstellerin und Theaterregisseurin Nino Haratischwili wurde in Deutschland durch ihr Buch „Das achte Leben (Für Brilka)“ einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Das Buch hangelt sich anhand einer Familiengeschichte durch die letzten 100 Jahre der Geschichte des Kaukasusstaates. In Deutschland hochgelobt und mit Preisen wie beispielsweise dem Anna-Seghers-Preis überhäuft, ist sie in ihrer Heimat kaum bekannt. Dieses Jahr bekam sie in der georgischen Hauptstadt Tbilissi durch das Goethe-Institut und den Deutschen Volkshochschulverband den Giwi-Margwelaschwili-Kulturpreis für deutsch-georgische Beziehungen verliehen.

In der Begründung der Jury hieß es, dass es Nino Haratischwili gelungen sei Georgien auf die innere Landkarte der deutschen Leserschaft zu setzen. Der georgische Kulturminister schloss sich in seiner Laudatio dem Lob an. Die deutsche Botschafterin Bettina Cadenbach sagte, dass ihr „Das achte Leben“ vor Antritt ihrer Stelle von verschiedenen Seiten als Vorbereitung empfohlen wurde. 2017 wird das deutsch-georgische Kulturjahr ausgerufen und 2018 wird Georgien das offizielle Gastland auf der Frankfurter Buchmesse sein. An beiden Events wird Haratischwili maßgeblich mitwirken.

Zwischen der Preisverleihung und der Premiere ihres Stücks „Zorn“, das in einer beeindruckenden zweisprachigen deutsch-georgischen Koproduktion im Tumanischwili-Theater aufgeführt wurde, fand Nino Haratischwili die Zeit, um einige Fragen zu beantworten.

Nino Haratischwili während der Preisverleihung im Tumanschiwili-Theater in Tbilisi. Foto: Gia Gogatischwili, alle Rechte liegen beim Goethe-Institut.

Nino Haratischwili während der Preisverleihung im Tumanschiwili-Theater in Tbilisi. Foto: Gia Gogatischwili, alle Rechte liegen beim Goethe-Institut.

Sie haben als Jugendliche eine deutsch-georgische Theatergruppe gegründet, Sie leben jetzt in Deutschland und publizieren auch auf deutsch. Woher kommt diese Leidenschaft für die deutschen Sprache?

Durch die Schule. Ich war auf einer Schule mit einem großen Fokus auf deutscher Sprache und Kultur. Das war das ehemalige 6. Gymnasium, gegründet von sehr vielen Germanisten, sehr vielen jungen und engagierten Lehrern, die versucht haben uns Kindern die deutsche Kultur nahezubringen und ich würde sagen das ist ihnen auch gut gelungen. Später kam noch dazu, dass auch Muttersprachler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz unterrichteten, da diese Schule zum Deutschen Sprachdiplomschulen-Programm gehörte. Und zwischen meinem 12. und 14. Lebensjahr verbrachte ich knappe zwei Jahre in Deutschland und da haben sich natürlich meine Sprachkenntnisse und der Zugang zur deutschen Kultur vertieft.

In Deutschland sind sie nicht zuletzt durch „Das achte Leben“ sehr bekannt, populär und preisgekrönt. In Georgien noch nicht. Haben Sie in den letzten Jahren überhaupt auf georgisch geschrieben und publiziert?

Nein, ich schreibe ausschließlich auf deutsch und das schon seit über zehn Jahren. Publizieren tue ich ganz selten hier, sondern schreibe vielleicht mal für einen Blog oder einen Artikel. Publizistisch bin ich hier wenig präsent. Das ist natürlich hauptsächlich dem geschuldet, dass ich nicht auf georgisch schreibe und auch nicht hier lebe.

Das kann sich ja bald ändern. „Das achte Leben“ wird übersetzt von der Schauspielerin und Übersetzerin Nino Burduli. Gibt es denn schon einen Termin, wann die Übersetzung fertig gestellt sein wird und wann das Buch hier erscheinen wird?

Das ist eine Frage der Finanzierung, weil das natürlich enorm viel Arbeit ist und demnach auch enorm viel Zeitaufwand. Und das bedeutet, dass die Zeit, die Nino Burduli sich freistellen würde, finanziert werden müsste. Ein Teil der Finanzierung ist gesichert und ein anderer Teil muss noch geklärt werden. Davon ist das abhängig. Idealerweise wäre es großartig, wenn das bis 2018 geschieht wenn Georgien Gastland der Frankfurter Buchmesse ist.

Für die Recherchen erhielten Sie das Grenzgänger-Stipendium der Robert Bosch-Stiftung. Wie kann man sich den Recherchealltag vorstellen und was für Orte haben Sie auf Ihren Recherchereisen gesehen?

Ich war mit Unterbrechungen zwei Jahre damit zugange. Ich war hauptsächlich in Russland, weil das meiste Material, was ich gesucht habe dort ist. Es war sehr viel Archivarbeit zumindest in den Archiven, die zugänglich sind. Es war viel Presse- und Bibliotheksarbeit aus den jeweiligen Jahrzehnten, d.h. Sichtung und Lesen. Ich musste viel Sekundärliteratur lesen, aber hatte auch persönliche Gespräche mit Zeitzeugen. Es waren aber auch Befragungen zu verschiedenen Aspekten dabei, die ich von Freundeskreis bis Familie gestartet habe. Obwohl es sich um eine fiktive Geschichte handelt, ist sie dennoch angereichert durch die reale Historie – das musste alles Hand und Fuß haben und das musste ich mir alles aneignen.

Haben sie dadurch ihre Heimat vielleicht auch mit anderen Augen gesehen?

Ja schon, obwohl ich nicht direkt „anders“ sagen kann, aber ich habe Dinge besser verstanden und Zusammenhänge besser erkannt. Ich habe den Blick geschärft bekommen, obwohl ich nicht sagen kann, dass ich milder oder kritischer geworden bin. Das, was negativ war, hat sich nochmal verschärft in der Negativität und was positiv war sich nochmal in der Positivität bestätigt.

Hatten Sie beim Schreiben ein bestimmtes Publikum vor Augen – ein deutsches oder ein georgisches?

In erster Linie deutsche Leser, weil ich ja auf deutsch schrieb und wusste, dass das Buch in Deutschland erscheinen wird. Ich kann nicht sagen, dass ich es groß anders geschrieben hätte, wenn ich es für Georgien geschrieben hätte, aber ich habe versucht schon ein paar mehr Informationen hineinzulegen, weil ich wusste, dass man diese Geschichte aus der östlichen Perspektive in Deutschland nicht so gut kennt.

Das Tumanischwili-Theater in Tbilisi.

Das Tumanischwili-Theater in Tbilisi.

Sie haben sich in ihrem Buch mit der Geschichte Georgiens der letzten 100 Jahren auseinandergesetzt. Was haben Sie denn für eine persönliche Vision von der Zukunft Georgiens?

Ich hoffe, dass Georgien weiterhin den europäischen Weg voranschreitet. Ich hoffe, dass die sozialen und wirtschaftlichen Probleme mehr behoben werden. Es ist schrecklich zu merken, dass das Arbeitslosigkeits- und Armutsproblem nach wie vor so akut ist. Ich wünsche mir eine noch verstärktere Öffnung gen Westen. Ich wünsche mir eine friedliche und in irgendeiner Form zumindest neutrale Koexistenz mit Russland. Und ich wünsche mir, dass sich das Land immer mehr Richtung Moderne und Freiheit und Demokratie öffnet.

Sie haben wurden mit dem Deutsch-Georgischen-Kulturpreis ausgezeichnet. Herzlichen Glückwunsch nochmal dazu. Es ist ja nicht ihr erster Preis. Sie haben schon mehrere bekommen. Ist das jetzt einfach ein Preis in einer Reihe von vielen oder hat er vielleicht eine besondere Bedeutung, weil er etwas mit ihrer Heimat zu tun hat oder vielleicht haben Sie ja auch eine besondere Beziehung zum Namensgeber des Preises – der Schriftsteller Giwi Margwelaschwili?

Natürlich habe ich ein besonders Verhältnis zu ihm. Ich kann nicht behaupten, dass ich ihn gut kenne, aber ich kenne ihn ein bisschen und ich finde zum einen ist er ein enorm bereichernder und inspirierender Mensch und Schriftsteller. Zum anderen ist es der erste Preis, den ich in Georgien verliehen bekomme und von daher ist es schon etwas Besonderes. Es ist auch nochmal für das Dialogische oder den Brückenbau wichtig. Ich kann nicht sagen, dass ich tagtäglich durch die Welt laufe und mir meiner politischen Rolle in dem Ganzen bewusst bin. Aber wenn das so wahrgenommen wird und plötzlich Sachen möglich gemacht werden, die vorher vielleicht so nicht möglich waren, dann ist das natürlich enorm erfreulich und das nehme ich auch schon so wahr, dass das etwas besonderes ist.

Dann hoffe ich, dass das nicht der letzte georgische Preis gewesen ist, sondern einer von vielen und vielen Dank für das Gespräch und dass sie die Zeit gefunden haben!

Natürlich, dankeschön.

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